Eingewöhnungszeit

Eingewöhnungszeit

Eingewöhnungszeit

Endlich ist er da! Der Tag der Tage. Sehnlichst erwartet steigt die Fellnase endlich aus dem Transporter und plötzlich wird es Realität: Das neue Familienmitglied ist angekommen!

Die Fahrt nach Hause ist aufregend. Wie wird der Fellnase das neue Heim gefallen? Ist auch wirklich alles vorbereitet? Und dann, angekommen, reagiert der Hund unerwartet. Die ersten Fragen tauchen auf und man fragt sich vielleicht: „Hab ich wirklich alles richtig gemacht?“

Um euch einige Unsicherheiten zu nehmen, habe ich diesen Text verfasst. Natürlich bin ich dankbar für Feedback, falls euch etwas auffällt!


Wer einem Hund aus dem Tierschutz ein Zuhause schenkt, erlebt oft eine aufregende, aber auch herausfordernde Zeit. Viele neue Halter erwarten, dass ihr Hund von Anfang an dankbar, fröhlich und anhänglich ist. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Ein Tierschutzhund muss sich zunächst in einer völlig neuen Welt zurechtfinden.

Eine einfache Orientierung bietet die Eselsbrücke „AVE“ („Sei gegrüßt!“ oder auch „Willkommen!“).

Ankommen. Vertrauen. Entfalten.

Sie beschreibt die verschiedenen Phasen, die viele Hunde während ihrer Eingewöhnungszeit durchlaufen. Natürlich ist jeder Hund individuell, aber die Regel hilft dabei, die Bedürfnisse des neuen Familienmitglieds besser zu verstehen.

1. Ankommen: Die Welt steht Kopf

Die ersten Tage nach dem Einzug sind für viele Hunde überwältigend. Stellen wir uns vor, wir würden plötzlich in ein fremdes Land gebracht werden. Wir verstehen die Sprache nicht, kennen niemanden und wissen nicht, was von uns erwartet wird. Genauso fühlt sich ein Hund oft in den ersten Tagen an.

Typische Verhaltensweisen in dieser Phase:

  • Der Hund wirkt unsicher oder ängstlich.
  • Er schläft sehr viel.
  • Er frisst wenig oder gar nicht.
  • Er folgt seinen Menschen nicht.
  • Er versteckt sich.
  • Er wirkt ungewöhnlich ruhig.

Manche Hunde zeigen jedoch das genaue Gegenteil:

  • Sie sind sehr aufgeregt.
  • Sie können nicht zur Ruhe kommen.
  • Sie bellen viel.
  • Sie laufen ständig herum.

Was sollte man tun?

Wenig erwarten und viel Sicherheit geben.

Das bedeutet:

  • ✅ Feste Tagesabläufe schaffen
  • ✅ Ruhe ermöglichen
  • ✅ Nicht ständig Besuch empfangen
  • ✅ Keine großen Ausflüge planen
  • ✅ Dem Hund Zeit geben!

Jetzt geht es nicht um Gehorsam oder Training. Jetzt geht es darum, dass der Hund versteht:

„Hier bin ich sicher.“

2. Vertrauen: Der Hund wird mutiger

Nach einigen Wochen beginnt der Hund meist, sich an sein neues Leben zu gewöhnen. Er kennt nun die täglichen Abläufe, weiß, wann es Futter gibt und lernt seine Menschen besser kennen. Dadurch gewinnt er Vertrauen.

In dieser Phase zeigen viele Hunde plötzlich Verhaltensweisen, die vorher gar nicht sichtbar waren.

Zum Beispiel:

  • Sie testen Grenzen aus.
  • Sie bellen zum ersten Mal.
  • Sie verteidigen Spielzeug oder Futter.
  • Sie zeigen Jagdverhalten.
  • Sie werden lebhafter und selbstbewusster.

Viele Halter erschrecken dann und denken:

„Mein Hund hat sich verändert!“

Tatsächlich passiert genau das Gegenteil:

Der Hund zeigt jetzt sein wahres Wesen.

Während der Ankommensphase war er oft noch zu verunsichert, um seine Persönlichkeit zu zeigen.

Was sollte man tun?

  • ✅ Ruhig und konsequent bleiben
  • ✅ Klare Regeln aufstellen
  • ✅ Positive Bestärkung nutzen
  • ✅ Vertrauen weiter stärken
  • ✅ Geduldig bleiben

Wichtig ist, den Hund nicht zu bestrafen, wenn Probleme auftreten. Er lernt noch, wie sein neues Leben funktioniert.

3. Entfalten: Der Hund kommt wirklich an

Nach einigen Monaten fühlen sich viele Hunde endlich zuhause.

Sie wissen:

  • Wer ihre Familie ist.
  • Wo ihr Schlafplatz ist.
  • Welche Regeln gelten.
  • Dass sie versorgt und geschützt werden.

Jetzt zeigt sich oft die Persönlichkeit des Hundes besonders deutlich.

Vielleicht wird ein früher schüchterner Hund verspielt und fröhlich. Vielleicht entwickelt sich aus einem zurückhaltenden Hund ein echter Kuschelfan.

Viele Halter sagen in dieser Phase:

„Jetzt erkenne ich meinen Hund erst richtig.“

Was sollte man tun?

  • ✅ Gemeinsame Aktivitäten ausbauen
  • ✅ Training weiterführen
  • ✅ Die Bindung stärken
  • ✅ Erfolge feiern
  • ✅ Den Hund weiterhin fair und verständnisvoll begleiten

Warum dieses Verständnis besonders für Tierschutzhunde wichtig ist

Tierschutzhunde bringen oft eine unbekannte Vorgeschichte mit. Manche haben auf der Straße gelebt, andere waren im Tierheim oder wurden mehrfach weitergegeben.

Deshalb brauchen sie häufig mehr Zeit, um Vertrauen aufzubauen.

Diese Eselsbrücke erinnert uns daran:

  • Ein Hund muss nicht am ersten Tag perfekt funktionieren.
  • Probleme sind kein Zeichen von Undankbarkeit.
  • Vertrauen wächst Schritt für Schritt.
  • Geduld ist einer der wichtigsten Schlüssel zu einer guten Mensch-Hund-Beziehung.

Jeder Hund hat sein eigenes Tempo!

Die oft genannten Zeiträume von einigen Tagen, Wochen oder Monaten sind nur Richtwerte. Manche Hunde blühen bereits nach wenigen Wochen auf. Andere benötigen ein halbes Jahr oder länger. Besonders sensible oder traumatisierte Hunde brauchen manchmal deutlich mehr Zeit.

Vergleiche deinen Hund deshalb nicht mit anderen.

Der wichtigste Satz in der Eingewöhnungszeit lautet:

„Gib deinem Hund die Zeit, die er braucht, nicht die Zeit, die du erwartest.“

Denn aus Geduld, Verständnis und Vertrauen entsteht am Ende das Wertvollste überhaupt: eine starke Bindung zwischen Mensch und Hund.

Eure Tina, 06.09.26